Dienstag, 28. Dezember 2010

FRAUELER & BLATTERLE - Autochthone Rebsorten aus Südtirol - Weinrallye #40


* * * * * *

Juval - Glimmer - Jahrgang 2009

beschwingtes, anregendes Cuvé aus Müller-Thurgau, Blatterle und Fraueler mit einer Besinnung auf die Tradition der Vinschgauer Hausweine mehrere Rebsorten zu einem Wein zu vereinen.

* * * * * *

Urlaub in Südtirol, auf dem Berg Ritten, bei der Familie Pechlaner im Ansitz Hochegg. Den Juval "Glimmer" gab es zu selbstgemachten Topfenknödeln mit Bärlauchsauce: Vino da Tavola Bianco 2009. Ein kräutriger Wein, mineralisch, etwas Zitrus, Apfelnoten, glasklar. Ein weißer Südtiroler, der einfach Laune macht. Mit einem Hauch von Wiesenduft – genau das richtige für Wiesengenuss!

Rebsorten: „Fraueler & Blatterle“? Ehrlich gesagt, noch nie gehört. Ganz bestimmt autochthon.....(altgriechisch αὐτός autós „selbst“ und χθών chthōn „Erde“, also etwa „einheimisch“, „eingeboren“, „alteingesessen“, „bodenständig“ oder „an Ort und Stelle entstanden“. Nimmt man Deutschland als Gebiet, so ist der Riesling autochton. In Südtirol ist es der Vernatsch. Fraueler & Blatterle klingt jedoch nach wirklich seltenen Arten, fast schon nach "Rote-Liste“ Arten in der WeinKulturLandschaft).

Ein Wein, der mich sofort neugierig machte. Ich lese: ...abgefüllt von der Familie Aurich, Weingut Unterortlhof, Juval, Kastelbell, Italien.

Ah, JUVAL! - das Schloss von Reinhold Messner, dem Achtausender Bezwinger, und ein Weingut, das von einem Geisenheimer Önologen geführt wird - da will ich hin.

Was für eine Wanderung! Der Weg war weit, heiß und steinig. Steil ging es bergab – und bergauf. Südhang. Siebzehnhundertvierzig Meter über dem Tal, extreme Sonneneinstrahlung. Die heißesten Tage im Juli. Hundstage. Über 35 Grad Celsius im Schatten, welchem Schatten? Durch unter Naturschutz stehende Trockensteppen ging es entlang von Felsen durch Dornengebüsch. Felsige Wege, teilweise ausgesetzt. Dürre. Hitze. Alles nur einfach Steil. Gegenüber die Viertausender der Ortlergruppe. Hinter uns die Ötztaler, die Texelgruppe. Der Alpenhauptkamm. URGESTEIN. Granit und Gneis. Dazwischen ein liebliches Tal mit Apfelplantagen. Das Vinschgau. Nach vier, fünf Stunden durch diese Glut gingen wir an Stöcken wie an Krücken, stolperten über die Felsen, wollten schon aufgeben. Unten lag das grüne Tal, das Apfelparadies...... Doch dann endlich, Kastanienwälder, Schatten: der Waalweg! Alte Bewässerungskanäle säumen ihn mit sprudelndem, kühlem Bergwasser. Erleichterung. Abkühlung.

Schloß Juval


Und dann, endlich, nach ein paar Biegungen taucht es auf: Das Schloss Juval! Wie in einem Märchen lag es flimmernd vor uns: Reinhold Messners Castle. Mystisch.


Ein magischer Platz. Dort lebte vor rund 5000 Jahren der Mann aus dem Eis, besser bekannt auch als „Ötzi“, in einer jungsteinzeitlichen Siedlung. Doch das ist eine andere Geschichte. Auf diesem neolithischen Hügel steht nun seit ein paar hundert Jahren eine Burg, das Castel Juval, und das gehört Reinhold Messner.

Im Sommer lebt der Messner mit seiner Familie selbst dort. Das Museum mit der Tibetika Sammlung ist also leider geschlossen. Schade, aber ein Grund wieder zu kommen...man kann nicht alles haben.

Hmm, doch, fast! Im Buschenschank nebenan gibt es eine echte Südtiroler Brotzeit mit Speck und Graukäse und Kümmelbrot und Wein. Und in kleinen Gläsern Vernatsch und St. Magdalener. Ah, fantastisch. Nirgendwo schmeckt er köstlicher als dort in der Höhe. Dieser einfache Wein. Einfach? Er macht HIGH! Erst recht nach einer langen Wanderung. Wir sind glücklich.

Und was für ein Blick. Das Schloss. Tibetische Gebetsfahnen.....steinerne Löwen. Überall Buddhas. Und darunter Weingärten. Kleine Flecken, sauber an den Berg geklebt wie Patchwork. Das sind ja mal echte STEILLAGEN. Steiler als die steilsten Lagen an der Mosel - so wirken sie zumindest in der kristallklaren Bergluft. Wie ich erfahre, sind sie auch erst seit den 1990er Jahren dem Berg abgerungen worden. Dahinter muss schwere Pionierarbeit stecken. (Bilder: Juval früher, Juval heute)

Einzellagen

Einzigartige Lagen. Geringste Humusauflage. Darunter Urgestein. Uralter GNEIS. Dieses hauptsächlich aus Feldspat und Glimmer bestehende Gestein ist eines der ältesten der Erde und bis vier Milliarden Jahre alt. Die Rebe muss hier dann mal echt kämpfen. Sich tief verwurzeln, sonst wird sie weggespült, weggeweht oder von den Lawinen gefressen. Hier wachsen wahrhaft mineralische Weine - SALZIG, sagt man heute. Mineralsalzigkeit (im Feldspat des Gneis finden sich die Mineralien Barium, Kalium, Calcium, Natrium in Form von Salzen und Carbonaten).

Ziemlich euphorisch durch zwei Achtele (das muss die Höhenluft sein), machen wir uns auf den Abstieg. Der Straße entlang, die Reinhold Messner früher immer zum Training für die Achttausender herauf gejoggt ist. Auch diese Straße ist verdammt steil. Ich würde sie nicht einmal herunter joggen. Alles ist steil hier. Überall Felsen, Gneis. Steinig, wild, anstrengend und rauh.....GENIAL.

Endlich passieren wir das Weingut Unterortl von Gisela & Martin Aurich. Die beiden haben es seit 1992 von Reinhold Messner gepachtet. Vision und Pragmatismus und wohl auch viel Pioniergeist verbinden die Aurichs mit dem Extrembergsteiger. Da kommt er her der Wein: „Glimmer“ genannt. Und nicht nur der. Außergewöhnliche Weine werden hier produziert. Juval Rieslinge, die vor Mineralik nur so strotzen, Weißburgunder, Müller-Thurgau - und ein Wein mit dem Namen „Gneis“, der im Gemischten Satz gewachsen ist und sich aus Burgunderabkömmlingen zusammen setzt: Zweigelt, St. Laurent, Granoir, Gamaret und Blauburgunder. Zu etwas besonderem machen diese Weine wohl der steile Fels, das Urgestein. Das Extremklima, die Strahlung. Hüstel, man nannte das einst TERROIR.

Das Weingut "Unterortl" 

 

liegt hoch oben am Eingang vom Schnalstal unterhalb des Schlosses Juval von Reinhold Messner. Er hat den Unterortlhof im Jahr 1992 an Gisela und Martin Aurich verpachtet. In Aurich, der in Geisenheim Önologie und Brenntechnik studiert hat, fand er den idealen Partner auf dem Weg, den steilen Hängen des Schlossbergs hochwertige Weine abzuringen. So schreibt DER FEINSCHMECKER: "Aurichs Weine gehören zum Besten, was man hier finden kann: Der saftig-salzige Weißburgunder, der mineralische Riesling und der finessenreiche Blauburgunder." (Bookazine Nr. 20 "Südtirol kulinarisch")

Es geht weiter bergab, vorbei an den Weißburgunder Lagen und dem Müller-Thurgau, an Riesling und Blauburgunder....


"Auf 3,6 Hektar Rebfläche werden verschiedene Rebsorten gepflegt und kultiviert. Die praktisch geschlossene Lage schaut nach Süd/Südost, ist steil und überwindet einen Höhenunterschied von fast 250 Metern. Die Weinberge sind nach modernen Gesichtspunkten mit einer Stockdichte von 8.000 Reben pro Hektar angelegt, um hochwertige Weine mit gleichmäßig hohem Qualitätsniveau zu erzeugen. Die Steilheit Hügel von Juval erlaubt nur minimalen Einsatz von Maschinen, sodass die Bearbeitung zum größten Teil in Form von Handarbeit bewältigt wird. Der in unseren Lagen leicht erwärmbare Urgesteinsverwitterungsboden liegt auf Gneisfelsen. Das einmalige Kleinklima mit hohen Tagestemperaturen, kühlen Nächten und viel Luftbewegung trägt dazu bei, besondere Qualitätsweine zu produzieren. Der natürliche Lebensraum und unsere sorgfältige Arbeit an den Reben spiegelt sich in unseren Weinen der Rebsorten Weißburgunder, Riesling, Müller Thurgau und Blauburgunder sowie Zweigelt, St. Laurent, Garanoir, Gamaret wieder."

Meine Oberschenkel brennen. Die Hitze weiter unerträglich. ES GIBT EINFACH KEINEN SCHATTEN HIER an diesem steilen Südhang. Unten endlich Schatten und Sitzbänke: der Hofverkauf des Weinguts Unterortl im Vinschger Bauernladen. Hier gibt es die Produkte des Berges Juval - und hier finde ich ihn endlich wieder,


den GLIMMER....

"......ein Müller-Thurgau mit Anteilen der autochthonen Südtiroler Rebsorten Fraueler und Blatterle."

Der Fraueler 

ist eine Ur-Südtiroler Rebsorte. (Urgestein und Urrebsorte das passt).....Sie wächst gerne an den Hauswänden der alten Südtiroler Bauernhöfe und gilt als recht ertragreich. Mit einem feinen Duft nach Zitrusfrüchten, ihre Aromen sind eher vegetal ausgeprägt, und einer feinen Mineralität besitzt sie auch eine angenehme Fülligkeit. Der Name Frauerler bezieht sich wohl auf Friaul, wo er ursprünglich herkommen soll.

Der Blatterle 

gilt als Rebsorte, die eigentlich schon längst unter Artenschutz stehen sollte, denn es gibt sie nur noch in Restbeständen in Südtirol. Sie galt als bäuerlich und wenig gehaltvoll. Eine ja mal richtig autochthone Rebsorte. Ihr Namen leitet sich anscheinend nach dem österreichischen Ampelographen Hermann Goethe (1837-1911) von den etwas abgeplatteten Beeren ab. Die früh reifende Rebe neigt zum Verrieseln und wird heute nur mehr in kleinen Mengen von wenigen Winzern im Vinschgau kultiviert, so heißt es. Neben dem Unterortlhof, sind es der Gummerhof und Mayr-Nusser aus Bozen.


In den Wanderrucksack passen leider nur ein paar wenige Flaschen, wir fahren mit dem Bus zurück.....naja, den Wein kann man sicherlich auch bei uns kaufen. Pustekuchen! Der „Glimmer“ und der „Gneis“ sind tatsächlich „Rote-Liste-Arten“. Selten und hier fast nicht zu bekommen. Doch nächstes Jahr kommen wir wieder...

1 Kommentar:

  1. was nimmt man nicht für Strapazen auf sich für eine gute, seltene Flasche Wein ! Die Burg Juval kenn ich nur vom Strassenschild in der Ebene. Danke fürs Mitnehmen.

    AntwortenLöschen